Blumen von Jesus – Teil 3
Text von Anette Sorge
Auf einmal geschah etwas noch Seltsameres. Während er mit dem Blick einer Ente folgte, die an ihm vorbeiflog und sich schließlich am Seeufer niederließ, tauchte vor ihm wie aus dem Nichts eine Tür auf, und er hörte ein Klopfen. Zuerst erschrak er. Das wurde hier immer unheimlicher. Doch dann siegte seine Neugierde. Was war das für eine seltsame Tür, mitten im Garten? Und noch merkwürdiger: Wer klopfte an die Tür, obwohl man auch leicht um sie herum gehen konnte?
Niklas trat näher, öffnete die Tür einen spaltbreit und stand einem Mann gegenüber.
Schon auf den ersten Blick konnte er sehen, dass der Mann etwas Besonderes war. Er wirkte würdevoll und majestätisch, und er strahlte irgendwie Licht aus. Niklas fragte sich, was ein so königlicher Mann in dem verwilderten Garten zu suchen hatte. Er schien nicht hierher zu passen. Doch das faszinierendste waren seine Augen. Niklas konnte nicht aufhören, sie anzuschauen. Denn die Augen des Mannes waren so voller Liebe und Wärme, dass Niklas das Gefühl hatte, völlig davon durchdrungen zu werden.
„Wer bist du?“, flüsterte er. Seine Stimme versagte beinahe vor Staunen.
„Ich bin Jesus“, antwortete der Mann. „Und ich möchte dir helfen.“
Im ersten Moment dachte Niklas: Ich brauche doch gar keine Hilfe! Ich bin in der Schule der Beste, ich kann ziemlich vieles gut, ich habe viele Freunde … Ein wenig trotzig verschränkte er die Arme vor der Brust.
Jesus sagte nichts mehr, sondern schaute ihn einfach nur an, mit diesem einzigartigen Blick voller Liebe.
Plötzlich schmolz Niklas‘ ganzer Trotz zusammen wie Schnee in der Sonne. Denn er begriff: Jesus schaute tiefer. Er sah nicht nur das, was die anderen sahen, nämlich den Niklas, der der Klassenbeste, bei allen beliebt und zuhause ein guter Junge war. Er schaute in ihn hinein und sah den Niklas, der Angst hatte, dass seine Eltern sich trennten. Der befürchtete, dass ihn keiner mehr lieben würde, wenn er nicht mehr die Leistungen erbrachte, die man von ihm erwartete. Der auf gar keinen Fall versagen und seinen Vater enttäuschen wollte. Plötzlich hatte er einen dicken Kloß in seiner Kehle.
Jesus sah ihn weiterhin abwartend an, und auf einmal begriff Niklas, dass er die Tür öffnen musste, um ihn hinein zu lassen. Er tat es, und Jesus trat durch die Tür. Mit ihm kam ein so warmes Gefühl von Frieden und Liebe, wie Niklas es noch nie gespürt hatte.
Und auf einmal flossen sie, die Tränen, die er sonst immer unterdrückte, weil keiner sie sehen durfte. Doch er hatte das Gefühl, dass er Jesus nichts vormachen musste. Allen anderen machte er etwas vor. Sich selbst auch oft genug.
Aber bei Jesus brauchte er das nicht. Jesus verstand ihn. Und ihm machten seine Tränen auch nichts aus. Er lud ihn einfach ein, in seine Arme zu kommen, und Niklas ließ sich hineinfallen. Unbeschreibliche Liebe und Annahme durchströmten ihn. So etwas Schönes hatte er noch nie erlebt.
Nachdem er sich ausgeweint hatte, lehnte er sich einfach eine Weile an Jesus.
Eine blau schimmernde Libelle flog an seinem Gesicht vorbei, und während er ihr hinterher schaute, wurde ihm bewusst, dass der Garten plötzlich völlig anders aussah. Wo vorher Disteln und abgebrochene Zweige waren wuchs jetzt zartes, grünes Gras. Blumen blühten, Bienen und Hummeln summten überall, bunte Schmetterlinge flogen umher. Es duftete nach Frühling. Der See schimmerte türkisblau, und goldene Sonnenstrahlen tanzten auf dem Wasser. Staunend schaute Niklas sich um. Alles sah wunderschön aus.
„Wo sind wir hier?“, fragte er neugierig.
„Wir sind in deinem Herzen“, antwortete Jesus.
„Was?“ Niklas riss erstaunt die Augen auf und fasste sich unwillkürlich an die Brust. „In meinem Herzen? Das geht doch gar nicht!“
Jesus lachte fröhlich. Sein Lachen klang melodisch wie ein Frühlingslied. „Ich meine nicht das Organ in deiner Brust, das Blut durch deinen Körper pumpt. Wenn ich von Herz spreche, dann meine ich dein inneres Wesen. Das, was dich ausmacht, deine Persönlichkeit. Dein Herz ist wie ein Garten.“
„Was?“, staunte Niklas. „Und warum sieht es plötzlich so schön aus? Vorher war alles ganz verwildert!“
„Weil du mich eingeladen hast. Ich bin gekommen und habe alles neu gemacht“, antwortete Jesus.
„Boah! Das hast du gut gemacht!“, erwiderte Niklas begeistert. Dann fragte er nachdenklich: „Wieso ist mein Herz eigentlich wie ein Garten?“
„Ein Garten ist ein Ort der Gemeinschaft und des Feierns. Ich brachte die ersten Menschen, Adam und Eva, auch in einen Garten, und gab ihnen den Auftrag, ihn zu bebauen und zu bewahren. Dort war ich jeden Tag mit ihnen zusammen und wir verbrachten herrliche Zeiten miteinander. Doch eines Tages entschieden sie sich, mir nicht mehr zu vertrauen. Sie brachen die Beziehung zu mir ab. Den Garten, einst ein Ort der Freude und Begegnung, mussten sie schließlich verlassen. Das war sehr traurig. Aber nun freue ich mich, dass du mich in deinen Garten gelassen hast. Hier können wir Gemeinschaft miteinander haben und feiern.“
„Oh, ja, gerne!“ Vor Begeisterung riss Niklas die Augen weit auf. Er fühlte sich so geehrt, dass jemand wie Jesus Zeit mit ihm verbringen wollte. Was, um alles in der Welt, fand Jesus an ihm so besonders, dass er überhaupt den Wunsch verspürte? Niklas konnte das nicht verstehen, aber es war wunderbar! „Das ist toll!“, rief er. „Aber warum bist du eigentlich nicht einfach so gekommen?“, fragte er. Du hättest doch auch um die Tür herumgehen können! Warum hast du angeklopft?“
„Ich komme nur, wenn ich eingeladen werde“, antwortete Jesus. „Niemals würde ich deinen Garten einfach so betreten, ohne, dass du es möchtest. Denn ich respektiere deinen Willen.“
„Oh“, antwortete Niklas nachdenklich. „Aber ich bin froh, dass du jetzt da bist!“
Jesus lächelte ihn an. Sein Lächeln war wie warmer Sonnenschein, der sein ganzes Wesen erhellte.
Ein bunter Schmetterling flatterte vor ihnen umher. Niklas beobachtete ihn, bis er sich auf einer Blüte niederließ.
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